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Digitale Bildung in analogen Köpfen

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(C) LightFieldStudios / Getty Images

Als ich noch zur Schule gegangen bin, waren Schlagworte wie "digitale Bildung" Bestandteil des Lehrplans. Das bedeutete beispielsweise, dass wir darüber gesprochen haben, welche Gefahren das Internet birgt und wie man sie am besten vermeidet. Es sollte Erziehung zum Umgang mit den neuen Medien sein. Medial war allerdings eine Audiodatei von einer völlig veralteten CD das Höchste der Gefühle. Außerhalb des Informatikunterrichts haben wir in der Schule das Internet nie "von innen" gesehen. Frei nach dem Motto: "Digitale Medienbildung – aber bitte ohne digitale Medien!".

Wie sieht es heute aus?

Das war vor ca. 10 Jahren auch noch einigermaßen verständlich. Schulen waren multimedial dürftig ausgestattet. Vielleicht mit einem Computer- und einem Filmraum. Bis heute hält die Digital- und Medialisierung nur langsam Einzug an deutschen Schulen. Klar gibt es Beispiele, wo das nicht so ist. Einige investieren sehr viel und nahezu jeder Klassenraum ist mit einem Smartboard oder zumindest einer Kombination aus Beamer und Computer ausgestattet. Es gibt aber auch Schulen, an denen die Digitalisierung komplett vorbeigegangen zu sein scheint. Viele bewegen sich irgendwo dazwischen. Die Medialisierung unserer Bildung hängt jedoch nicht nur von der Ausstattung ab. Es ist nicht der Fall, dass eine multimediale Ausstattung gleichbedeutend mit multimedialer Bildung ist. Schuld daran sind die "analogen Denkweisen". Wenn Digitalisierung es nicht in den Kopf des Bedieners schafft – das Mindset im Unterricht also analog bleibt – bringt die tollste Ausstattung nichts. Das mag darin begründet sein, dass die betreffende Lehrkraft sich nicht mit dem Gerät auskennt. Oder dessen Möglichkeiten nicht vollumfänglich nutzen kann. Aber auch daran, dass sie es schlicht nicht möchte. An vielen Schulen herrscht noch immer ein striktes Handyverbot. Das ist ein zweischneidiges Schwert. Natürlich muss man die Lernenden auf Risiken und Gefahren von Smartphone und co aufmerksam machen und sie gleichzeitig dafür sensibilisieren. In einer Welt, die global mit und durch Technologie immer mehr verschmilzt, muss es auch darum gehen, uns und unsere Schützlinge von ihr zu emanzipieren. Technologie ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr. Das kann gleichsam aber nur dann geschehen, wenn wir nicht so tun, als wäre sie nicht da. Technologie ist immer mehr Teil unserer Welt und Schule darf keinen künstlichen Raum erschaffen, in dem das nicht so ist. Vielmehr muss es darum gehen, zu lernen, konstruktiv damit umzugehen, d.h. digitale Bildung und analoge Köpfe zusammenzubringen.

Wie das funktionieren kann? Ein paar Beispiele:

Klassische Dramatik und moderne Verfilmungen

Spätestens in der E-Phase müssen die Schüler*innen im Fach Deutsch mit der aristotelischen Dramatik und ihrer Struktur vertraut gemacht werden. Das wirkt sehr altbacken und gegenwartsfern, aber bei genauerem Hinsehen lässt sich leicht erkennen, dass auch heutige Filme, die ja nichts anderes sind als moderne Dramen, immer noch viele Prinzipien der Antike berücksichtigen. Hier hat es sich meiner Erfahrung nach als ertragreich erwiesen, die Lernenden in Gruppen einzuteilen, sie selbstständig einen Film (innerhalb der Altersvorgaben) aussuchen zu lassen, und diesen dann im Hinblick auf aristotelische Dramenmerkmale zu analysieren. Die Ergebnisse dieser Analyse sollen dann in Form einer multimedialen Präsentation vorgestellt werden. Diese enthält etwa ein Handout, eine PowerPoint-Präsentation und Filmausschnitte, welche die einzelnen Stufen der klassischen Dramenpyramide veranschaulichen (wenn diese denn eingehalten werden). So festigen die Schüler*innen auf zeitgemäße Weise ihre Analysekompetenz im Fachbereich der Dramatik.

Das "perfekte Selfie"

Mehr als einmal soll laut Lehrplan im Fach Ethik das Thema "Schönheit" behandelt werden. Dieses ist in Zeiten von Instagram und co fast schon von selbst mit den "neuen Medien" verbunden. Ein interessantes Experiment kann es hier sein, die Lernenden ein Selfie machen zu lassen, welches dann nach Belieben bearbeitet wird. Zum Schluss wird die durch die Bearbeitung verursachte Veränderung des Bildes im direkten Vorher-Nachher-Vergleich reflektiert. Im Idealfall hat das eine ganze Reihe positiver Effekte. Die Schüler*innen werden sich der optischen Manipulation überhaupt erst einmal bewusst, denn der direkte Vergleich fehlt uns im Alltag oft. Außerdem lässt die Analyse auch auf Merkmale schließen, die uns etwas als „schön“ empfinden lassen. Die Klasse lernt also, zu verstehen, warum etwa Foto-Filter so arbeiten, wie sie es tun. Nicht zuletzt erzieht der direkte Vergleich auch zur gesunden Skepsis, da er uns die durch Bildbearbeitung etc. verursachte Veränderung und die damit verbundene Manipulation der Wahrnehmung direkt vor Augen führt.

Solche praxisorientierten Experimente zeigen einen höheren Lerneffekt als "medienferne Bildung", in der einfach nur darüber geredet wird. Wenn wir in der richtigen Weise reflektiert mit den "neuen Medien" umgehen, schaffen wir eine digitale Bildung für analoge Köpfe, die auf gesunde Weise kritisch ist, ohne sie zu verteufeln. Fallen Dir noch weitere Anwendungsmöglichkeiten ein?

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